Schulpolitisches Positionspapier

Schulen stärken - Potenziale nutzen!

Gute Bildung ist der Schlüssel für ein selbstbestimmtes Leben. Nicht nur für unseren Wohlstand, sondern auch für die individuelle Persönlichkeitsentfaltung ist eine umfassende Allgemeinbildung unverzichtbar. Auch bei uns in Nordrhein-Westfalen sollte ein hohes Bildungsniveau eine Selbstverständlichkeit sein! Doch die Landesregierung hat in den letzten Jahren vor allem eines verursacht: Stillstand!

Auch wir halten an dem 2011 beschlossenen Schulkonsens fest und wollen keine ermüdende Schulformdebatte. Dennoch heißt das nicht, dass die Arbeit nun getan ist. In vielen Bereichen haben sich Probleme aufgetan, die es zu lösen gilt. Doch Schulministerin Löhrmann scheint keinen dringenden Handlungsbedarf zu erkennen. Wir als Junge Union Rhein-Sieg bekennen uns zum humboldtschen Bildungsideal, in dem jeder nach seinen Fähigkeiten bestmöglich gefördert wird, so dass sich seine Persönlichkeit frei entfalten kann.

Praktisch begabt? – Duales Ausbildungssystem stärken

Einer der Gründe, warum Deutschland heutzutage wirtschaftlich so gut dasteht, ist unser stark ausgeprägtes duales Bildungssystem. Täglich tragen Fachkräfte, die ihrer praktischen Begabung nachgehen, maßgeblich zu unserem Wohlstand bei und werden darauf in Betrieben, sowie in den Berufskollegs und in den Berufsschulen optimal vorbereitet. Die duale Ausbildung ist eine tragende Säule unseres Bildungssystems und darf nicht benachteiligt werden. Die Wirtschaft beklagt schon heute einen Fachkräftemangel und braucht dringend gut qualifiziertes Personal.

Wir fordern, dass

  • die Berufskollegs und die Berufsschulen mit anderen Schulformen gleichberechtigt ausgestattet und gleichermaßen wertgeschätzt werden;
  • Schüler aller Schulformen frühzeitig umfassend über die vielfältigen Bildungsgänge einer beruflichen Ausbildung als Alternative zu einem Studium informiert werden;
  • das vom Rhein-Sieg-Kreis betriebene Übergangsmanagement Schule-Ausbildung-StudiumBeruf weiter gestärkt wird;
  • ein weitergehendes Konzept zur Bewältigung des Fachkräftemangels erarbeitet wird, um in einer weitreichenden Kampagne für Ausbildungen zu werben.

Zu wenig Lehrer? – Es trifft alle Kinder

Unterrichtsausfall trifft insbesondere diejenigen, die durch ihr soziales Umfeld benachteiligt sind. Deshalb muss im Sinne der Chancengleichheit dem strukturellen Ausfall von Unterricht vorgebeugt werden. Die Grundlage dafür müssen belastbare Zahlen über das Ausmaß des Unterrichtsausfalls sein. Seit 2010 wird der Ausfall nicht mehr erhoben. Schulministerin Löhrmann begründet das mit einem zu hohen Aufwand. Eine einfache unbürokratische digitale Lösung lehnt sie ab. Stattdessen wurde seitens der Landesregierung eine stichprobenartige Untersuchung durchgeführt, die ergab, dass nur 1,7 Prozent des Unterrichts ausfällt. Eine eigene Untersuchung der Landeselternschaft ergab hingegen einen durchschnittlichen Unterrichtsausfall von 6,4 Prozent.

Wir fordern, dass

  • der tatsächliche Unterrichtsausfall transparent und für jede Schule genau gemessen wird
  • der strukturelle Unterrichtsausfall nicht hinter einer scheinbaren Nichtmessbarkeit verdeckt wird und genug Lehrkräfte eingestellt werden, um dem entgegenzuwirken;

Schule ohne Führung? – Eine Frage der Attraktivität

In Nordrhein-Westfalen herrscht Rektorenmangel. Besonders Grundschulen und Hauptschulen sind betroffen: In rund 35 Prozent aller Grundschulen fehlt entweder der Rektor oder der Konrektor. Vielen Hauptschulen fehlt ebenfalls ein Rektor. In zahlreichen Schulen fehlt zudem die stellvertretende Schulleitung. Das stellt Lehrer und Eltern vor große Herausforderungen, denn die Aufgaben müssen von der Schulleitung einer anderen Schule kommissarisch übernommen werden. Auch Eltern fehlt ein konkreter Ansprechpartner in den Schulen. Der Grund, warum Lehrer auf einen Rektorenposten verzichten, liegt daran, dass die durch Landesvorgaben bedingte starke Mehrarbeit nicht ausreichend von Leitungsstunden gedeckt und vergütet werden.

Wir fordern, dass

  • die tatsächliche Mehrarbeit von Rektoren und Konrektoren ermittelt wird und die Leitungsstunden daran angepasst werden;
  • die zusätzliche Leistung angemessen vergütet wird, um die Attraktivität von Rektorenstellen zu steigern.

Gelungene Inklusion? – Gründlichkeit vor

Tempo Die Inklusion ist eine der großen bildungspolitischen Herausforderungen unserer Zeit, wobei das oberste Ziel der Inklusion das Wohlergehen der Kinder sein muss. Jedes Kind sollte die individuell beste Betreuung bekommen. Deshalb ist es notwendig, dass Eltern weiterhin eine Wahlfreiheit bei der Schulform behalten und, wenn sie es für ihr Kind als sinnvoll und erforderlich erachten, auch eine Förderschule wählen können. Wir dürfen unsere Lehrer dabei nicht alleine lassen. Deshalb müssen Lehrkräfte besser für den inklusiven Unterricht aus- und weitergebildet und dabei von ausreichend Sonderpädagogen und anderen Experten wie z. B. Schulpsychologen unterstützt werden.

Wir fordern, dass

  • verpflichtende Qualitätsstandards für inklusiven Unterricht in gesetzlicher Form festgelegt werden, um die Unterrichtsqualität zu sichern, und diese Standards durch das Land ausreichend finanziert werden;
  • Eltern auch weiterhin Wahlfreiheit bei der Frage nach der am besten geeignetsten Schulform für ihr Kind behalten und dabei nicht unter Druck gesetzt werden – Förderschulen sind zu erhalten;
  • die personellen und materiellen Rahmenbedingungen für eine gelungene Inklusion geschaffen und Lehrkräfte bei den zusätzlichen Herausforderungen umfassend unterstützt werden;
  • langfristig die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass das System „Schule“ alle Bedürfnisse von Schülern mit Behinderungen durch eigenes Personal abdeckt und nicht der Finanzierung durch die kommunalen Sozial- und Jugendämter bedarf.

Geflüchtete Kinder? – Jetzt integrieren und Potenziale nutzen

Durch den Flüchtlingszuzug der letzten Jahre sind circa 80.000 schulpflichtige Kinder nach NordrheinWestfalen gekommen, was das gesamte Bildungssystem vor besondere Herausforderungen stellt. Für eine erfolgreiche Integration ist neben dem Erlernen der deutschen Sprache eine gute Ausbildung unerlässlich. Die Anstrengungen, die das Land insbesondere mit den Internationalen Vorbereitungsklassen bereits unternommen hat, sind zu begrüßen. Bisher reichen diese jedoch bei weitem nicht aus, um den individuellen Bedürfnissen von teilweise traumatisierten Kindern gerecht zu werden. Damit ein zügiger Übergang in die Regelklassen ermöglicht werden kann, muss zeitnah genügend fachlich geeignetes Personal eingestellt werden.

Wir fordern, dass

  • Schulpsychologen beziehungsweise Schulsozialarbeiter und Dolmetscher zur Unterstützung von Lehrkräften im Umgang mit traumatisierten Kindern verpflichtend eingesetzt und vom Land finanziert werden;
  • neben der Stärkung des Faches „Deutsch als Fremdsprache“ auch die bisherigen Konzepte zur Vermittlung gegenseitiger Werte und unserer demokratischen Grundprinzipien, um das beidseitige Verstehen der jeweiligen Kultur zu fördern, verbessert werden;
  • kein Kind ohne ausreichende Deutschkenntnisse in Regelklassen ab der Sekundarstufe I beschult wird und das Land für diese Kinder Sprachkurse einrichtet.

Ganztagsunterricht? – Ja bitte, aber freiwillig

Bund, Land und Kommunen haben in den vergangenen Jahren einige Anstrengungen unternommen, um Ganztagsangebote im Offenen Ganztag (OGS) bzw. in Ganztagsschulen zu fördern. Diese Angebote tragen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei und können für Kinder aus bildungsbenachteiligten Familien besondere Bildungsanreize schaffen. Gerade auch für Bildung, Erziehung und Betreuung von Flüchtlingskindern haben Ganztagsangebote ein großes Potenzial. Dies setzt aber voraus, dass entsprechende Angebote ausreichend finanziert werden. Neben dem Ausbau muss außerdem die Qualität der Angebote gesteigert werden, um die Bildungserfolge zu erhöhen. Zudem soll auch in diesem Bereich volle Wahlfreiheit bestehen, damit Kinder, die ihre Freizeit selber organisieren wollen, dies auch zukünftig tun können.

Wir fordern, dass

  • das Land verpflichtende gesetzliche Qualitätsstandards zum Beispiel zur Qualifikation und Bezahlung des Personals, zur räumlichen Ausstattung und zur Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule einführt und den kommunalen Schulträgern die anfallenden Mehrkosten erstattet;
  • das Land die Kommunen finanziell dazu in die Lage versetzt, auch für Flüchtlingskinder ausreichende Ganztagsangebote anbieten zu können;
  • die OGS-Angebote freiwillig bleiben, damit Eltern und Schüler frei entscheiden können, welcher Weg für sie der beste Weg ist;
  • das Freizeitangebot in der OGS in Verbindung mit ortsansässigen Vereinen gefördert wird;
  • das Land Modelle entwickelt, um die flexible Wahl von Ganztagsangeboten an weiterführenden Schulen möglich zu machen, ohne dass die gesamte Schule verpflichtend zur Ganztagsschule wird. Eltern und Schülern soll dadurch eine freie Wahl ermöglicht werden.

Digitale Bildung ausbauen? – Medienkompetenz steigern

Die Digitalisierung durchdringt alle Lebensbereiche und daher natürlich auch die Bildung. Neben Rechnen, Schreiben und Lesen wird die Medienkompetenz immer mehr zu einer „vierten Kulturtechnik“. Wenn die Schulen bei dieser Aufgabe versagen, werden diese Bildungsaufgaben Institutionen übernehmen, die sich nicht dem humboldtschen Bildungsideal verpflichtet fühlen. Daher ist es höchste Zeit, dass Nordrhein-Westfalen sich an die Spitze der Bewegung setzt!

Das Programm „Gute Schule 2020“ ist ein Schritt in die richtige Richtung. Angesichts eines gewaltigen Investitionsbedarfs für die digitale Bildung sind zwei Mrd. Euro bis 2020 natürlich nur ein Anfang. Für die Breitbandanbindung aller Schulen, für die WLAN-Ausleuchtung der Klassen und die Ausstattung mit Medien wie Smartboards, Laptops und Tablets zusammen mit den Aufgaben von Betrieb, Wartung und Support werden zusätzliche Mittel in beträchtlicher Höhe erforderlich sein. Das Land muss die kommunalen Schulträger im gesamtstaatlichen Interesse bei dieser Aufgabe weiterhin unterstützen.

Wir fordern, dass

  • das Land seine Zuweisungen an die Kommunen über das aktuelle Maß hinaus deutlich erhöht, um wirklich alle Schulen ins digitale Zeitalter zu führen und die Verschärfung der „digitalen Spaltung“ zu verhindern;
  • das Land das Sponsoring von Unterrichtsmitteln durch Unternehmen in geregeltem Rahmen fördert und annimmt;
  • das Land seine Anstrengungen erhöht, um auch ausgebildete Lehrer durch Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen fit für den Unterricht in „digitalen Klassen“ zu machen;
  • die Kommunen in Abstimmung mit den Schulen Medienentwicklungspläne aufstellen und die Schulen eine digitale Ausstattung nur auf der Grundlage von ihnen entwickelter fachlichdidaktischer Medienkonzepte erhalten, damit der wichtige Grundsatz „Technik folgt Pädagogik“ beachtet wird.

 

Hier kannst du das Positionspapier auch als PDF herunterladen.